Der Fund der insgesamt 122 Briefe einer dauerhaften wechselseitigen Korrespondenz,
der sich in öffentlichen Archiven erhalten hat, stellt für die Epoche des
frühen 19. Jahrhunderts eine einzigartige Quelle dar, zumal es sich hier
um den gedanklichen Austausch zwischen einer gebildeten Dame der Gesellschaft
und einem hochrangigen Künstler handelt, die beide eng mit Berlin verbunden
waren und in kultureller Hinsicht entscheidenden Einfluß auf die Stadt
ausübten. Caroline von Humboldt galt nicht nur bei ihren Zeitgenossen als
eine der klügsten, emanzipiertesten und trotz ihrer gesellschaftlichen
Stellung unkonventionellsten Frauen der Goethezeit. Sie war eine exzellente
Kennerin der antiken und klassischen Kunst und bildete an der Seite Ihres
Mannes Wilhelm von Humboldt den Mittelpunkt eines ausgedehnten Künstler-
und Gelehrtenkreises in Rom und Berlin. Die Freundschaft zu dem jüngeren,
vom Ehepaar Humboldt protegierten Christian Daniel Rauch, dem später bedeutendsten,
in Berlin wirkenden deutschen Bildhauer der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
führte zu einer 1811 einsetzenden, intensiven Korrespondenz zwischen Caroline
von Humboldt und Rauch. Ein besonderes Interesse der Schreibenden gilt
den antiken Funden, ihren Ankäufen und der Beschäftigung mit den zeitgenössischen
Kunstwerken der dem Klassizismus verpflichteten Bildhauer und Maler in
Rom, unter ihnen Antonio Canova, Bertel Thorvaldsen, Rauch, Ridolfo und
Wilhelm Schadow, Carl Wilhelm Wach, Gottlieb Schick und anderen. In den
Briefen, die hier alle in ihrem ursprünglichen Wortlaut transkribiert und
mit ausführlichen Kommentaren versehen sind, entsteht ein Zeitbild, das
durch die Napoleonische Ära und die politische Situation nach dem Wiener
Kongreß bestimmt ist und einen aufschlußreichen Einblick in die vor allem
Berlin berührende Kultur-, Kunst- und Gesellschaftsszene der Zeit zwischen
1811 und 1828 bietet.